Kap Horn  

 

"Die Zeit der großen Frachtsegler war längst vorbei, als sich Ende 2005 die berühmte deutsche Bark "Alexander von Humboldt" zu ihrer längsten Reise aufmachte - 260 Tage und 27.500 Seemeilen rund um Südamerika. Die größte Herausforderung dabei war zweifellos die Umrundung von Kap Horn, dem Schrecken aller Seefahrer. Stürme, Eisregen und tückische Winde machten dem Schiff und seiner Crew zu schaffen. Wale und Albatrosse begleiteten den Windjammer auf dem abenteuerlichen Törn."

So weit ein Zitat aus dem Covertext des Buches "Grüne Segel vor Kap Horn". Das Buch schildert meine Erlebnisse bei dieser einmaligen Reise von Ushuaia am Ende der Welt, rund um Kap Horn, über Puerto Montt bis nach Valparaíso.

Nähere Infos unter
http://www.autorenbuchhandel.de/shop/catalog/product_info.php?products_id=272

Das Buch kann direkt beim Autor - zum Preis von 16,- Euro - bestellt werden:
ecki@windjammerfreunde.de

Zum Reinschmecken hier ein Ausschnitt aus dem Buch, der den Zeitraum von 2 Tagen umfasst:

Mittwoch, den 18.1.2006

Dann, es war 19:37 Uhr, wurde die letzte Leine eingeholt und wir legten ab. Jetzt sollte der richtig interessante Teil unserer Reise beginnen:
Der Törn um Kap Horn. Zum Abschied von Argentinien ließ es sich die argentinische Marine nicht nehmen, eine Abordnung zu schicken, die auf der Pier eine Ehrenformation bildete. Mit militärischen Ehren wurden wir verabschiedet und als letzten Gruß ließ die Alex noch dreimal die „Seekuh“ ertönen. Selbstverständlich winkten uns auch die Passagiere des russischen Antarktiskreuzfahrers zu, der uns schräg gegenüber lag.

Und dann ging es hinaus in den Beagle-Kanal. Auf der einen Seite freuten wir uns natürlich, dass es endlich losging, auf der anderen Seite wurde uns die Vorfreude auf das bevorstehende Ereignis aber durch Regen und Kälte ziemlich vermiest.

Unsere Wache war auch gleich als erstes gefordert: Trotz Ölzeug und warmer Klamotten war es arschkalt und nass. Die Regentropfen wurden ständig dicker und der Regen immer heftiger. Die Kälte kroch in Mark und Bein, meine Schuhe waren längst durchweicht. Da die an Bord noch vorhandenen Gummistiefel leicht sechs Nummern zu groß waren, probierte ich die mitgebrachten Aquaschuhe an. Diese waren zwar sehr bequem, jedoch auch nicht wasserdicht. Verfluchte Scheiße, warum tue ich mir das an?

Der eiskalte Regen wurde noch heftiger, die verschleierte Brille erlaubte nur noch eingeschränkte Sicht. Um 21:00 Uhr übernahm ich dann die Ruderwache. Gut, dass wir auf dem noch ruhigen Beagle-Kanal fuhren, die Wellenhöhe betrug nicht mehr als einen halben Meter. Gute Bedingungen, um sich wieder an die Schiffsreaktionen bei unterschiedlichen Ruderlagen zu gewöhnen. Die kleine Persenning über dem Steuerstand nützte leider gar nichts, der Regen knallte mir schräg von vorn ins Gesicht.

Gegen 23:00 Uhr schwächte sich der Regen etwas ab, Puerto Williams rückte in absehbare Nähe und der argentinische Lotse ging von Bord. Punkt Mitternacht fiel bei 31 Metern Wassertiefe der Steuerbordanker mit 3 Schäkeln (= 75 Meter Ankerkette), wir mussten ja zunächst für Chile einklarieren. Der Zoll lässt sich üblicherweise jedoch nicht in der Nacht blicken.

Um Mitternacht gab es dann die erste Wachablösung, sie verläuft auf der Alex nach dem alten Ritual, wie es schon seit Jahrhunderten auf Segelschiffen üblich ist. Die 8/12er und die 0/4er Wache stehen sich auf dem Manöverdeck beim sogenannten Kindersarg gegenüber. Die abzulösende Wache an Steuerbord, die aufziehende Wache an Backbord. Nach Feststellung der Vollzähligkeit durch die Toppsmatrosen ruft der in der Mitte stehende Steuermann der neuen Wache: „Verfang Roar un Utkiek Weg de Wach!“ (das heißt auf hochdeutsch in etwa: "Rudergänger und Ausguck ablösen – Wache ablösen!"). Dies ist die Erlaubnis für die abziehende Wache, ihre Posten an Ausguck und Ruder zu verlassen. Ehe die alte Wache jedoch unter Deck geht, wünscht sie noch lautstark eine „Gode Wach“, während die neue Wache ebenso lautstark eine „Gode Ruh“ wünscht.

Ausnahmsweise konnte die neue Wache bei dieser Ablösung mit stark reduzierter Stärke antreten und wir machten uns auf den Weg unter Deck, zuerst in den warmen Maschinenraum, um die nassen Klamotten zum Trocknen aufzuhängen, und anschließend in die Messe, um Gerhard Kinzels Geburtstag zu feiern.

Da auch unser Steuermann Werner seit Mitternacht Geburtstag hatte, war die zweite Runde Bier auch gesichert. Werner, ein ehemaliger Kapitän und sehr erfahrener Seemann, fährt häufig auf der Alex. Sowohl als Steuermann als auch als Kapitän bei Clipper, dem Deutschen Jugendwerk zur See, mit den größtenteils schonergetakelten Schiffen Albatros, Seute Deern, Amphitrite und Johann Smidt. Gegen 1:30 Uhr suchte ich dann freudig meine warme, trockene Koje auf. Gute Nacht!

Samstag, den 21.1.2006

Klaus (Backhus) berichtete, als er mich zur Wache weckte, von 10° Lufttemperatur, trockenem Wetter und normalen Klamotten, die benötigt würden. Das stimmte auch soweit, nur dass ich unter normalen Klamotten Jeans, Pullover und Seeparka verstand. Nach einem Blick auf die Back und das Versaufloch musste ich allerdings feststellen, dass die Nässe, wenn auch nicht von oben, doch sehr wohl von unten kam. Also noch schnell in die Kammer, um das Ölzeug anzuziehen, eine absolut gute Entscheidung: Fock und Großsegel mussten gesetzt werden. Und da die Fockschot auf der Back belegt ist und einige Leinen auch im Versaufloch enden, war klar, dass dies eine nasse Angelegenheit werden würde.

Später, als ich im Versaufloch am Tampenreißen war und der kalte Pazifik zentnerweise seine Fracht über das Schanzkleid schüttete und durch die Ankerklüsen presste, bereute ich, keine Stiefel mitgenommen zu haben. Bis zu den Unterschenkeln wurde ich vom Wasser umspült. Auf den Segeln war starker Winddruck (Böen bis 9 Bft), so dass wir die letzte Lose oft nur mit der Dörte (ein Flaschenzug) herausholen konnten. Die Dörte wurde meist von Edgar angelegt, unserem Schiffsdoc, der auch als Matrose sehr erfahren agierte. Bei geringerem Winddruck genügt meist ein Stopper, der kurz vor dem Belegen an dem letzten Taustück vor dem Belegnagel angebracht wird.

Das Schiff stieg immer wieder die steilen Wellenberge hoch, um dann gleich darauf in ein langes, tiefes Wellental hinunter zu stürzen, ein wahrer Höllenritt. Oft genug tauchte das Vorschiff bis zur Back ins Wasser ein. Kommando „An die Fockschot!“, Bestätigung „An die Fockschot!“, also nichts wie rauf auf die Back: Heißa, auf dem Jahrmarkt muss man für ein solches Vergnügen Geld bezahlen, hier gibt es das alles inklusive.

Und noch einen Unterschied gibt es: Hier fehlen die weichen Anpressbügel in den sicheren Sitzen. So stand ich gerade an der Reling zum Versaufloch und zog am Tampen, als ein mächtiger Brecher überkam. Till, ein Matrose aus unserer Wache, stand ca. zwei Meter vor mir, als er vom Wasser mitgerissen und erst neben mir von der Reling aufgefangen wurde, um wieder zu einem einigermaßen sicheren Stand zu kommen. Das Auffangen oder Zupacken konnte ich mir also ersparen.

Irgendwann waren dann die beiden Segel gesetzt und die letzten Schoten getrimmt. Außer den Sky- und den Besansegeln war jetzt alles Tuch gesetzt, was die Segelkammer aufzubieten hatte. Zusätzlich lief auch noch die Maschine, was uns gut voranbrachte. Seit einem Tag befanden wir uns auf Westkurs, weit weg vom Land, grobe Richtung Australien. Ziel war es, bei den vorherrschenden Nordwestwinden zunächst ungefähr 200 Seemeilen auf dem 56. Breitengrad entlang nach Westen zu segeln (bis maximal zum 80. Längengrad), um anschließend mit Nordostkurs Puerto Montt anzusteuern. Wären wir nach dem Kap direkt die chilenische Küste hochgefahren, hätten wir uns mit reiner Motorkraft und direktem Gegenwind hoch kämpfen müssen.

Für die vierte Stunde hatte ich mich als Ausguck gemeldet, kurz vorher war ich noch schnell unten, um die klatschnassen Schuhe und Socken gegen trockene auszutauschen. Längst ging es nicht mehr darum, frische oder getragene Sachen zu nehmen, sondern nur noch um die Frage: Nass oder trocken?

An Steuerbordseite des Oberdecks nahm ich meinen Posten ein. Bei den nördlichen Winden hatte das Schiff die meiste Zeit Backbord-Schräglage, was zur Folge hatte, dass die Gischt der Bugsee häufiger an Steuerbord überkam. Dadurch war ich genötigt, mich mehr mittschiffs zu orientieren. Ich pickte mich an der Reling ein, lehnte mich „gemütlich“ in meinen Gurt und genoss den großartigen Wellenritt. Es gab nichts zu melden, was unserem Schiff hätte gefährlich werden können: Weit und breit kein Land, kein Schiff, kein Treibgut, keine Bohrinsel, gar nichts. Über uns nur der Himmel, ringsherum und 4.000 Meter unter uns nur Wasser. Ab und zu blitzte sogar die Sonne durch einen Wolkenspalt, die gefühlte Temperatur lag durch den Wind-Chill bei ca. -7° Celsius.

Albatrosse, die Beherrscher des Windes, eins mit dem Ozean, schwebten mit traumwandlerischer Sicherheit wenige Zentimeter über die Wasseroberfläche. Die Flugkünste dieser größten Seevögel der Welt mit einer Spannweite von 3-4 Metern sind erstaunlich. Vier Fünftel ihres Lebens verbringen sie auf See, im Südmeer. Auch Mollyhawks (von Seeleuten auch Pastoren genannt) und andere Seevögel waren unterwegs.

Zum Wachwechsel kam Uli, unser Kapitän, um noch einmal unsere Segeltaktik zu erläutern, danach waren Klamottenwechsel und Mittagessen angesagt. Ein kleines Nickerchen und dann Reisetagebuch schreiben, schon war wieder Abendbrotzeit. Beim Aufbacken ging ein gutes Dutzend Teller und Muggen zu Bruch, es sollte eine vierte Back eingedeckt werden, aber die Antirutschmatte hatte leider ihre Antirutscheigenschaften eingebüßt, mit Schwund muss man rechnen. Nach dem Abendessen spielte Jochen noch ein paar Shantys auf der Klampfe, eine gute Einstimmung auf unsere kommende Wache.

Diese begann spektakulär mit dem Auftauchen eines Wals backbord querab. Er schwamm Richtung Süden, tauchte gelegentlich auf, blies und war nach ca. 10 Minuten wieder verschwunden.

Die vorigen Wachen hatten alle Rahsegel aufgegeit, so dass nur noch die Stagsegel standen, die nur für Stabilität sorgen sollten, ohne dass sie uns wirklich voran gebracht hätten (Stagsegel sind dreieckige Segel, die an Drahtseilen zwischen den Masten angeschlagen werden). Der Wind blies nach wie vor aus Nordwest mit über 30 Knoten, was einer Windstärke von 7 Beaufort entspricht, die Bewölkung hatte aber inzwischen auf 7/8 abgenommen.

Die dritte Stunde stand ich wieder am Ruder, ich liebe es, das Schiff bei hoher See durch die Wellen zu steuern. Und immer noch flogen Albatrosse, oftmals direkt unter dem Bugsprit hindurch, über die Wellen. Gegen Elf, halb Zwölf, es war noch ziemlich hell, konnte man durch einige Wolkenlücken die ersten Sterne erkennen. Leider nicht das Kreuz des Südens, dafür war die Bewölkung noch zu stark.

Da kein Segelmanöver anstand, war es insgesamt eine ruhige Wache, so dass ich auch mal unter Deck konnte um eine heiße Bouillon oder einen Tee zu trinken. Zur Wachablösung um Mitternacht sangen wir zusammen mit der alten Wache dem Walter ein Geburtstagsständchen.